Verfasst von: vorkommen | Februar 17, 2011

Verrückte Insulaner

Immer auf der Couch rumhängen entspricht ganz und gar nicht der Superheldenetikette. Eine Zeit lang ist es ja ganz cool. Doch wenn das Cape schon Falten bekommt vom vielen rumhängen ist es zu viel. Kurzentschlossen öffnet Held das Fenster des Heldenverstecks und fliegt auf Patrolie. Schwuppdiwup saust er durch die Lüfte immer gen Süden. Die laue Luft am Äquator wärmt ihm seine Ohren ein bisschen zu sehr. Schnell eine kühle Pazifikbrise und dann kurz auf eine Insel chillen. Immerhin soll Arbeit ja auch was Gutes sein. Und Inseln gibt es ja genug im Pazifik. Das sagt zumindest die Werbung.

Und sie hat nicht gelogen. Paradiesische Inseln ziehen weit unter Held vorbei. Während er noch versucht sich für eine zu entscheiden, sieht er zwei total abgebrannte Inseln. Das sieht nach einem Fall für einen Superhelden aus. Ja, es sieht so aus. Doch in Wirklichkeit kann Held hier nichts mehr tun. Alles verbrannt. Alle Bewohner tot. Plötzlich, während er im Schock durch die Asche steigt blendet ihn eine silberne Schatulle. Als Held sie öffnet findet er darin das Tagebuch eines kleinen Mädchens. Isar hieß die Autorin, die jeden Eintrag – Held konnte zum Glück superschnell jede beliebige Sprache lesen -liebevoll mit einem Bild ergänzte.

Isar war die Tochter des Häuptlings einer der beiden Inseln gewesen. Sie war es auch gewesen die eines Tages am Strand auf dieses schwimmende Holzding getrffen indem sich anscheinend auch noch dieses Buch und Stifte befanden. Sie war es mit der die heutige Geschichte ihren Anfang nimmt. Eigentlich ja mit dem Holzding vom Strand -auf der Zeichnung deutlich als Ruderboot erkennbar – aber ohne Erzählerin gäbs schließlich keine Geschichte.

Nachdem Held die Seiten durchgeblättert hatte, war ihm klar was passiert war. Die Menschen auf dieser Insel hatten ein Boot gefunden. Dieses war die erste Möglichkeit für sie zu der nahen Nachbarinsel zu gelangen. Einer Insel um die sich Sagen und Mythen rankten. So viele, dass wir sie hier leider ausklammern müssen. Jedenfalls war der Häuptling mit Isar hingefahren. Er, und mit ihm sein Volk, lebte seit jeher im Glauben, dass die Nachbarinsel unbewohnt war. Dem war aber nicht so. Auf der zweiten Insel lebte ebenso ein Stamm wie hier.

Als der Häuptling zurückkam erzählte er seinem Volk sonderbare Dinge. Die Leute auf der anderen Insel würden unentwegt reden und seien unfähig zu denken. Sie verhielten sich komisch. Wären unberechenbar, würden oft einfach nicht antworten und seien zu feige ein Gespräch von selbst zu beginnen und ihre Freude über die Ankunft des Häuptlings angemessen zu zeigen. Für den Häuptling war alles klar. Sie waren alle verrückt, gestört und würden ihn und sein Volk nicht mögen. Er hatte das Gefühl die neuen Nachbarn machen sich über ihn lustig und finden ihn sonderbar.

Einzig Isar sah die Lage etwas anders. In ihrer kindlichen Art fand sie sofort eine Freundin in der Häuptlingstochter der Nachbarinsel. Zum Abschied schenkte sie ihrer neuen Freundin die Hälfte dieses Buches. In ihrer eigenen Hälfte notierte sie ein paar der Verhaltensweisen der Menschen auf der anderen Insel und versuchte liebevoll sie zu erklären, was ihr leider nicht immer gelang. Leider. Wäre es gelungen und hätte ihr Vater zugehört wäre es nie soweit gekommen, dass er ein Trupp zur den Nachbarinos schickte um diese auslöschen und ihre Insel abzubrennen. Isar schrieb viele traurige Zeilen darüber in ihr Buch.

Diese finden aber ein jähes Ende und dann findet sich nur noch eine hektisch geschriebene Zeile: „Sie kommen! Die Nachbarn haben das Boot. Und sie bringen das Feuer!“ Das ist das Ende der Geschichte. Verstört und Verständnislos fliegt Held zur Nachbarinsel. Vielleicht kann er so mehr erfahren. Wie das Leben so spielt findet er dort die andere Hälfte des Buches in einer ähnlichen Schatulle. Die zweite Häuptlingstochter hatte darin ebenfalls Notizen gemacht. Zum Beispiel, dass ihr Vater fand die neuen Nachbarn wären zu aufdringlich, würden ihnen sicher böses wollen, seien neugierig und überhaupt. Sie verhalten sich total komisch. Erwarten, dass man immer antwortet. Selbst wenn man nicht will oder nichts zu sagen weiß usw.

Der letzte Eintrag in diesem Buch betrifft auch das Feuer. Er beschreibt wie alle – selbst die Autorin – langsam am Rauch sterben. Nur einer von ihnen hat es offensichtlich geschafft, das Boot zu entern und das Feuer zu den bösen Nachbarn zurückzubringen…

Held findet sich im zerknüllten Cape auf der Couch wieder. Er weint. Wieso glauben die Leute immer wieder, dass ihr gegenüber böse ist, bloß weil es sich anders verhält? Kann man sich nicht einfach aufeinander einstellen?! Diese Frage wird Held noch den ganzen Tag beschäftigen. Die Erkenntnis, dass schlafen neben Südsee-Fernsehdokus sinnlos ist kam hingegen sofort. Jetzt aber wird Held erst mal in die Südsee fliegen und schauen ob sein Traum nicht doch schon Realität geworden ist.


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