Superhelden sind ja eine ganz gute Sache. Superhelden haben aber auch die eigenwillige Angewohnheit – sei es weil sie sich für besser halten oder bloß weil sie sonst wegen ihrem tiefen Humor die Außenseiter wären – unter sich zu bleiben. So kommt es, dass viele von ihnen nicht mitkriegen was in der Welt sonst noch passiert. Oder das es überhaupt noch eine andere Welt gibt. Held ist da keine Ausnahme. Er liebt es über die Rettung der Welt zu philosophieren. Manchmal jedoch – manchmal sind ihm seine normalen Freunde doch lieber als der Geleier seiner Kollegen.
Drum trifft er sich heute mit Baldur. Denn Baldur feiert heute voller Stolz sowas wie einen Jahrestag. Stolz ist er. Und ganz schön durcheinander. Held weiß warum – er bemüht er sich immer zuzuhören, selbst wenn er die Geschichte schon x-mal gehört hat. „Wenn ihnen das Erzählen hilft, dann kann Zuhören auch nicht schaden.“ So ungefähr war Helds Einstellung zu freundschaftlichen Gesprächen. Selbst dann, wenn er es dann doch nicht schaffte wirklich hinzuhören. Aber das kann man doch nicht einmal von einem Helden erwarten. Immer zuhören – Das geht doch gar nicht.
Egal. Eigentlich geht’s ja um Baldur. Also. Der Baldur ist Tierpfleger. Einer von denen, die ein besonderes Händchen für Tiere haben – sowas wie den grünen Daumen nur halt für Viecher. Er zähmt selbst die wildesten und gestörtesten. Das zumindest erzählten sich seine Kollegen bis zu dem Tag der Baldur beinahe dieses Händchen gekostet hätte. Vor einem Jahr – ja, deshalb der Jahrestag – hatte sich Baldur einer Schlange angenommen. Einer Natter, um genau zu sein. Mit etwas Geduld hatte er das liebesbedürftige Jungtier quasi zum Kuscheltier gemacht. Ja sicher sagt ihr jetzt man kann doch mit einer Schlange nicht kuscheln. Klar. Kein Mensch wäre so blöd. Aber sie mochten sich. Außerdem war diese Natternart als ungiftig beurteilt worden. Also alles kein Problem.
Irrtum! Nichts mit alles kein Problem. Kurz nachdem Baldur das Herz der Schlange für sich gewinnen konnte, hat sie ihn gebissen. Das kommt vor. Kein Grund zur Aufregung für Baldur. Den gibt es erst als Baldurs sprichwörtliches Händchen für Tiere mehr und mehr anschwillt und erst nach langwieriger Behandlung langsam abheilt. Wie sich noch herausstellen sollte, war die Natter doch eine von den giftigen. Genau genommen war sie eine Brillenschlange. Doch das erkannte niemand. Dieser Irrtum bescherte Baldur seine seither völlig vernarbte und teilweise gefühllose Hand.
Nichts mehr wollte Baldur mit dieser falschen Schlange zu tun haben. Garnichts. Immerhin hatte ihr Gift seine wichtigste Gabe zerstört. Bis zum heutigen Tag hat sich Baldur auch daran gehalten. Seit seiner Rückkehr in den Zoo kümmerte er sich um Kätzchen, Äffchen und größere und kleinere Vögel. Diese Tiere machten ihm Freude, doch seine Angst vorm Schlangenhaus nervte ihn. Es war an der Zeit seinen Mut zusammen zu kratzen und sich dieser fiesen Bestie zu stellen. Und welcher Tag würde besser passen, als der Jahrestag ihrer Bekanntschaft um eine Veränderung zu riskieren.
Einen ganzen Vormittag setzte sich in einen Raum mit der Schlange. Mittlerweile konnte man die charakteristische Brille ganz deutlich erkennen. Und erst die, seitlich vorstehenden, Giftzähne. Wie hatte er das früher nur übersehen können. In all der Zeit sah die falsche Schlange nur zweimal in Baldurs Augen. Als könnte sie verstehen, was sie mit ihrem Gift angerichtet hat oder hätte gar ein schlechtes Gewissen. Baldur aber traute dem Reptil nicht, womöglich nur eine Taktik um ihn wieder zu beißen. Dieses Misstrauen und der schmerzvolle Blick auf seine vernarbte Hand vereitelten Baldurs Chance sich mit der Giftschlange auszusöhnen, obwohl er genau das wollte.
Frustriert, traurig und gleichzeitig Stolz über seinen Mut sitzt Baldur nun im Heldenversteck auf der Couch. Tausend Gedanken schießen durch seinen verwirrten Kopf. Held kann es direkt sehen, er hat das ganze letzte Jahr miterlebt, hat gesehen was sein Freund mitgemacht hat. Am liebsten würde er all das ungeschehen machen. Wirklich. Doch Held ist auch nur ein Freund. Ein Freund der für seinen Kumpel alles auf der Welt tun würde. Wirklich alles. Aber heute gibt es nichts zu tun. Außer für Baldur da zu sein und soviel Zeit vergehen zu lassen bis er sich beruhigt hat.
Eure Meinung ist gefragt!