Verfasst von: vorkommen | April 21, 2010

Wahnsinnige Liebe

An kalten Abenden kommen sie zu dir ins Bett und kuscheln sich an dich um dir zu zeigen wie sehr sie dich mögen. Immer wieder verschwinden sind sie tagelang und kommen völlig zerschunden zurück von ihren Unternehmungen. Ihre Haare sind schwarz, braun, grau, rot, bunt oder ab und zu auch einfach nur weis. Berührt man sie an der falschen Stelle schreien sie dich an oder kratzen und beißen. An guten Tagen lassen sie aber wieder alles mit sich machen. Egal wie sehr man sie nervt oder meint ihnen weh zu tun. Kein Mensch hat jemals durchschaut was in ihren Köpfen vorgeht, was sie treibt oder warum sie so sind wie sind. Das ist die Art wie Held sie mag, wie er sie schon von klein auf erlebte und lieben gelernt hatte. Es gibt aber auch andere. Fette. Faule. Antriebslose. Solche die außer an ihren – hoffentlich – vollen Magen und einem warmen Plätzchen am Ofen kein Interesse am Leben zeigen. Doch die konnte Held nicht austehen. Er fand sie langweilig, primitiv oder hatte einfach nur Mitleid.

Vielleicht kannst du dir schon denken worum es hier geht. Nein nicht um Frauen. Wie kommst du denn da drauf? Die Rede ist von den graziösesten unwiederstehlichsten Wesen auf diesen Planeten. Ja du hörst richtig. Mehr noch als Frauen. Es sind die Katzen. Katzen, wie sie jeder von uns kennt. Natürlich kann man das auch anders sehen. Manche finden sie nervig und reagieren allergisch auf sie. Doch für Held ist eines klar. Es gibt keine schöneren, spannenderen und interessanteren Tiere als Katzen. Schon Helds Vater hatte diese Tiere abgöttisch verehrt. So sehr, dass er beinahe mehr über deren Eskapaden und Eigenheiten redete als über jene seiner Frau. Und wie es scheint, fällt der Apfel eben doch nicht so weit vom Pferd als jene Reiter glauben, die mit ihren Pferden die Straßen vollscheißen. Ja. Held hat den Katzenwahnsinn geerbt. Nur so kann man sich erklären, dass er sich für die Geschichte über den Nachbarsjungen, der eine Katze bekam und sie wieder zurück gab, derart interessierte. Sogar so sehr, dass er diesen eines Tages zur Rede stellt.

“He Kleiner” – ruft ihn Held über den Gartenzaun herbei. “Komm! ich lad dich auf ein Eis ein.” versucht er ihn zu ködern. Der Junge schaut ihn fragend an. Scheinbar war soviel Interesse von seinem Nachbarino ein Grund zur Sorge. Darum fügt Held hinzu: ” Keine Angst, ich tu dir nichts. Du kriegst das Eis und dafür erzählst du mir warum du die Katze nicht mochtest.” Held weiß natürlich, dass sein Versuch ziemlich plump ist. Aber er ist neugierig – zu neugierig sagen manche, aber Held ist der Meinung, dass man fragen muss wenn man etwas wissen will und das schon ok ist so. Und das mit gutem Grund. Er kann sich nämlich gut daran erinnern, dass der Junge früher immer mit den Katzen gespielt hatte. Den ganzen Tag hatte er sie mit sich herum geschleppt, ihnen alles erzählt und sie sogar beim Essen auf seinem Schoß gefüttert. Irgendwas war also anders geworden.

“Mann! so leicht wie man Kinder mit einem Eis ködern kann, braucht man sich nicht zu wundern, dass sie immer in Autos einsteigen wo sie nicht rein sollen.” denkt Held und bestellt zwei Bananensplitt mit extra,extraviel Schokoladensoße und Smarties drauf . Naja, der Junge war dann eigentlich doch nicht so schlecht im Verhandeln gewesen. Die Spannung steigt. Held lässt dem Jungen seinen ersten Heißhunger stillen und dann fragt er ihn, warum er die Katze nicht wollte. “Ich mag keine Katzen. Die sind blöd!”, trotzt der Junge, dessen Miene sich im selben Moment verfinstert. Held fragt ihn, ob er seine andere Katze auch nicht gemocht hatte und was mit der überhaupt passiert war. Der Junge schaut entgeistert auf. Als ob ihm ein Dämon über den Weg gelaufen wäre und dann fangen seine Augen tränennass zu glänzen an.

“Die war auch blöd! Alle Katzen sind blöd! Alle, alle, alle!” heult er los wie eine Sirene Samstag mittags. Jetzt ist es an der Zeit das Gespräch auf die Smarties zu lenken. Soviel ist für Held klar. “Wer will denn schon, dass ein Kind in der Öffentlichkeit eine Szene macht”, denkt er und stellt sich vor wie die Leute über ihn tuscheln als wäre er ein schlechter Vater. Dabei ist das noch nicht einmal sein Kind. “Pfff. Scheiß Besserwisser”, fügt er noch seinem vorigen Gedanken hinzu. Held weiß zwar, dass Kinder emotional oft viel intelligenter und direkter sind als jene Erwachsenen, die meinen ihnen zeigen zu müssen wie die Welt funktioniert, aber was ihm der Junge jetzt erzählt überraschte sogar ihn.

Der Junge erzählt ihm mit nassen Augen und immer mehr Eis im Mund, dass seine andere Katze schon seine sechste war, was für einen zehnjährigen schon beachtlich ist. Held hatte – wie auch, er war ja immer so beschäftigt mit allem anderen – gar nicht mitgekriegt, dass die Katzen immer die Farbe gewechselt hatten. “Wie unsensibel von mir.”, denkt er selbstkritsch. Und dann erzählte der Junge weiter. Er hat sich immer mit seinen Katzen gespielt. Oft den ganzen Tag. Wenn sie krank waren hat er sie gefüttert und gepflegt. Überall hat er sie mit hingenommen um ihnen seine Welt zu zeigen. Sie waren seine besten Freunde. Dachte er zumindest. Denn mit der Zeit wollten sie nicht mehr so viel spielen, kratzten, bissen und fingen weg zu bleiben. Bis sie dann irgendwann komplett verschwanden. Dann bekam er eine neue. Abgesehen von einer, die bei einem Autounfall starb, liefen alle irgendwann weg.

Er war es leid. Er war es leid sich immer wieder um eine kleine Katze zu kümmern, wenn sie ja doch alle dann starben oder wegliefen. Offensichtlich hatten ihn die Katzen enttäuscht. Er wollte nicht, dass nochmal eine Katze wegläuft, ihm damit weh tut und beschloss ohne Katze zu leben. Mehr noch. Er beschloss sie nicht mal mehr zu mögen. Diese blöden eigensinnigen Tiere, mit denen man so viel Zeit verbringt und die dann doch wieder weglaufen. Held kann verstehen was der Junge meint. Doch dass er deshalb keine Katzen mehr mag? “Scheinbar doch nicht so emotional intelligent, wie ich dachte” spekuliert er. Der Junge will gehen. Er ist müde und will wohl auch nicht mehr weiterreden. Wieder ein Nachbarskind, dass Angst vor Held und seinen komischen Fragen hat. Also bringt er den Jungen heim zu seiner Mutter.

Als er, wieder alleine, daheim ankommt ist Held sehr traurig. Traurig, dass der Junge wohl erstmal die Schnauze voll hat von Helds Eisködern. Traurig, dass der Junge traurig ist. Aber am traurigsten ist er darüber, dass der Junge keine Katzen mehr mochte. Diesen Eigensinn. Diese Unberechenbarkeit. Diese Wildheit. All das, was der Junge den Katzen vorwarf. Genau dafür liebt er die Katzen. Auch wenn es Held auch manchmal nervt seine Katze zu füttern, sie oft bei der Arbeit stört und er sogar einmal nicht in Urlaub fahren konnte, weil er keinen für die Katze fand. Dass seine Katze ihn immer wieder verstörte, er sich oft fragte, wo sie in der Nacht unterwegs war, und dass er Angst hatte sie würde nicht mehr zurückkommen ist für Held nur Zeichen dafür wie sehr er sie liebt. Und diese Liebe – dessen war sich Held hundertprozentig sicher – ist das Risiko wert ein bisschen zu leiden und enttäuscht zu werden.

“Hoffentlich wird der Junge das auch wieder verstehen.”, denkt er. Im selben Moment kommt seine Katze angetrabtund legt sich schnurrend auf Helds Bauch…


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